Auf den Spuren von Julius Hirsch

Heinz Kahn wurde am 13. April 1922 in Hermeskeil in der Nähe von Trier in eine konservative, jüdische Familie geboren. Sein Vater betrieb eine Tierarztpra- xis im Ort, was der Familie ein relativ hohes Anse- hen einbrachte. Vorfahren der Familie hatten bereits seit über 500 Jahren im Rheinland gelebt. Heinz Kahn wuchs mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester in einer glücklichen Kindheit auf, wie er später berichtete. Doch während des Holocaust wur- den über 100 Menschen aus seiner Familie ermor- det, auch seine nächsten Verwandten: „Meine Eltern und meine Vorfahren glaubten, dass nach der fran- zösischen Revolution und nach der Gleichberech- tigung, Benachteiligungen wegen einer Religions- zugehörigkeit, besonders in Deutschland, wo das Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen zu einer guten Symbiose geführt hatte, ein Relikt aus vergangenen Zeiten sei. Diesen irrtümlichen Glau- ben mußten sie mit ihrem Leben bezahlen.“ Bis 1936 ging Heinz Kahn in eine höhere Schule, wurde dann als Jude vom Unterricht ausge- schlossen und besuchte zunächst eine private jüdische Schule, die jedoch ebenfalls geschlossen wurde. Kahn beglei- tete fortan seinen Vater zunehmend bei dessen Behandlungen. Nach dem Schulausschluss begann er zunächst eine kaufmännische Ausbildung, dann eine Schlosserlehre in Frankfurt am Main, wo er in einer Telefonbaugruppe angelernt wurde. Nach dem Novemberpogrom 1938 arbeitete er als Zwangsar- beiter in Köln und Trier – da er häufig in Lothringen eingesetzt wurde, konnte er beim Pendeln Zeitungs- meldungen lesen und Nahrungsmittel organisieren. Ende Februar 1943 wurde er von der Gestapo ver- haftet und zunächst ins Gefängnis in der Windstraße in Trier gebracht, dann jedoch mit seiner gesamten Familie ins Bischof-Korum-Haus. Von dort wurde Heinz Kahn mit seiner Schwester und seinen Eltern am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert – Heinz Kahn war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt. Sein Vater trug ihm an der Rampe in Birkenau, als deut- lich wurde, dass Heinz zur Arbeit selektiert würde, auf, zu überleben – seine Eltern sah er nie wieder. Er kam ins KZ Buna/Monowitz. Dort erfuhr er in der ersten Nacht von einem polnischen Arzt, was mit den Nicht-Selektierten passierte und dass seine Familie vermutlich ermordet wurde. Heinz Kahn gelang es, in relativ „gute“ Arbeitskommandos ein- geteilt zu werden, er arbeitete im„Stubendienst“ und später im Krankenbau als Pfleger. Nur durch solche Arbeitsstellen war es den meisten Überlebenden überhaupt möglich, die Lagerzeit zu überstehen. Er hatte Kontakte zum kommunistischen Widerstand und arbeitete in der Schreibstube, wo er versuchte, Mitgefangene durch das Austauschen ihrer Häft- lingsnummern vor den Selektionen zu retten. Wie tausende andere Gefangene wurde Heinz Kahn im Januar 1945 auf einen Todesmarsch in das KZ Buchenwald bei Weimar geschickt, wo er von US-Soldaten befreit wurde. Er war einer von 14 über- lebenden Juden und Jüdinnen aus Trier, die nach 1945 zurückkehrten, und gründete unter anderem die jüdische Gemeinde in Trier neu. Auch holte er das Abitur nach und wurde, wie sein Vater, Tierarzt – er eröffnete eine Praxis in Polch in der Eifel, wo er mit seiner Ehefrau Inge lebte. Sie war eine von elf Überlebenden der jüdischen Gemeinde Koblenz, die dorthin zurückkehrten. Heinz Kahn, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz, starb am 9. Februar 2014 im Alter von 91 Jahren. DEPORTATION NACH AUSCHWITZ | TRIER HEINZ KAHN (1922 – 2014) Heinz Kahn, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Koblenz. Förderverein Mahnmal Koblenz

RkJQdWJsaXNoZXIy OTA4MjA=